Snaps, midsommarstång und der Frosch-Tanz - Laurier-Treffen in Schweden

Alle Jahre wieder...treffen sich Yvonne, Stefan, Ronny und Philip (und Lara, zumindest in Gedanken, alle 4 Jahre dann auch "for real") zum jährlichen Laurier-Freundeskreis-Wiedervereinigungstreffen. Welches übrigens, meines Wissens, einzigartig ist unter den ehemaligen Internationals an der WLU! Nachdem Stefan und ich vergangenen Herbst Gastgeber in Berlin gespielt hatten, ging die Reise dieses Mal gen Norden nach Stockholm zu Ronny.

MITTWOCH
Nachdem Yvonne bereits am Dienstag die erste Teiletappe Memmingen-Berlin zurückgelegt und sich Stefan und mir angeschlossen hatte, ging es am Morgen mit Germanwings nach Stockholm-Arlanda. Netterweise hatte sich Ronnys Schwester Sandra (zwei Jahre älter als er, gerade fertig geworden mit ihrem Studium in "Chemical Engineering" in Uppsala) bereit erklärt uns abzuholen, und so saßen wir schon bald nach der Ankunft im Auto gen Stockholm. Erstes Ziel war die Wonung von Ronnys Eltern in einem südlich der Stadt gelegenen Vorort namens Hagsätra, wo wir dann auch seine Mutter Irene trafen (ebenfalls sehr nett, wie ich es eigentlich auch nicht anders erwartet hatte). Nach kurzer Verschnaufpause ging es mit der U-Bahn (die Wohnung befindet sich direkt zwischen den beiden Stationen Hagsätra und Ragsved) in die Stadt bis "T-Centralen" und von dort aus erst einmal schnurstracks zur Touristeninfo, zum Geldwechseln und zum Hamburger-Menü mit Pommes. Wir entschieden uns für eine Bootstour unter den Brücken und um die Inseln von Stockholm, kauften die Tickets, hatten dann aber noch ein wenig Zeit, so dass wir zunächst noch einen kleinen Spaziergang auf die Insel Skeppsholmen und zum Jugendherbergs-Segelschiff "Af Chapman" unternehmen konnten. Erst Recht, weil die Bootstour erst verspätet beginnen konnten, da eine der Schleusen einen Defekt hatte und alle Boote einen Umweg fahren mussten. Es war eine der Schleusen, durch die auch wir fahren wollten...hmm...egal, wir machen die Tour trotzdem. War auch eine gute Entscheidung: Passend zur Bootsfahrt, die uns an den wichtigsten Sehenswürdigkeiten und an vielen verschiedenen Inselchen und Stadtvierteln entlangführte, kam die Sonne raus, und auch die Schleuse entpuppte sich als schnell wieder repariert und befahrbar.
Lohnende zwei Stunden später war es 18 Uhr - eigentlich sollte Ronny, der ja selbst nicht mehr in Stockholm wohnt, sondern in Oslo arbeitet, eigentlich in Schweden landen. Eigentlich. Denn der Flieger von Norwegian Airlines (Zitat: "they are a piece of shit") hatte noch was dagegen. Also haben wir uns die Zeit noch ein klein wenig mit einem kurzen Spaziergang durch die touristischste Gasse der Altstadt vertrieben, ehe wir Ronny dann gegen halb 8 endlich in Empfang nehmen konnten. Herzliches Wiedersehen. Und schon ging die Rennerei weiter, schließlich wollten wir an dem Abend noch das EM-Spiel Schweden-Russland beim Public Viewig sehen. Doch, oh Schreck: Public-Viewing-Area 1 war überfüllt, keine Chance! Schnell zur zweiten...wo wir dann glaube ich zu den letzten gehörten, die noch reingelassen wurden. Zum Spiel selbst muss ich wohl nicht viel sagen, 0-2 verloren, grausam gespielt, ausgeschieden (wie titelte doch am nächsten Morgen eine Zeitung: "Danke, wir finden selbst den Weg nach Hause"). Stimmung bei den Fans dennoch friedlich. Nach dem Spiel fuhren wir zurück zum Apartment, wo Ronny schließlich endlich seine Mitbringsel (Wein, Bodensee-Schokolade, Bierseidel, deutscher Alkohol, ein Kennst-du-Schweden-Kinderbuch, das sich dann doch als ein Buch aus Norwegen entpuppte!) bekommen sollte.

DONNERSTAG
Sightseeing Day! Zum Auftakt erst einmal zurück auf die Altstadtinsel "Gamla Stan", doch dieses Mal dank Ronny nicht in die bevölkerten Tourigassen, sondern auch ein wenig fernab der Busladungen. Unter anderem auch zur schmalsten Gasse der ganzen Stadt...Mårten Trotzigs gränd...nur 90cm breit. Auf dem Weg zum Schloss fielen uns dann die Menschenmassen auf, was nur eines bedeuten konnte: Dass das "Changing of the guards" kurz bevorstehen musste. Und tatsächlich, wir hörten schon die Trommeln und die Trompeten des herannahenden Regimentes. Die Wachen in Stockholm dürfen übrigens, anders als ihre Kollegen vom Buckingham Palace, durchaus auch mal ein klein wenig entspannter gucken und sogar ein Lächeln habe ich bei einem der Guards erspähen können. Doch genug der Anthropologie... Das Schloss an sich ist ja wirklich ziemlich unspektakulär (das alte, irgendwann einmal niedergebrannte sah viel schöner aus...und eigentlich sehen viele Gebäude in der Stadt viel mehr nach Schloss aus als das, nun ja, Schloss!), aber die Schatzkammer mit den Kronjuwelen und königlichen Schwertern, Kronen und Taufbecken war dann doch ziemlich, sagen wir, glänzend. Ebenso wie in London sind die Kronjuwelen übrigens noch immer in Benutzung und werden bei Bedarf aus den Glastresoren genommen.
Nach dem Schloss stand uns der Sinn nach einem stärkenden Hotdog und Softeis, danach dann nach einem Besuch im Vasamuseum. Kurz die Fakten: Die Vasa war ein Segelschiff, das 1628 bereits nach 1000m seiner Jungfernfahrt sank und dann erst Mitte des 20. Jahrhunderts vollständig (!) gehoben werden konnte. Ich war ja früher schon einmal mit meinen Eltern in dem Museum gewesen, aber das tat sar Sache keinen Abbruch. Ich fand es wieder höchst interessant - und diesmal habe ich sogar noch mehr verstanden als damals, warum genau die Vasa gesunken ist (zu wenig Ballast im Bauch des Schiffes bei zu viel Gewicht darüber...aber bei mehr Ballast wären die Kanonenlöcher unter Wasser gewesen...sprich, die einzige Option wäre es gewesen, das Schiff breiter zu machen), warum sie so gut erhalten blieb (die nördliche Ostsee ist nur wenig salzhaltig, hier können bestimmte Bakterien nicht überleben) und wie schwierig die Bergung gewesen ist.
Nach dem Schiff ging es auf den Berg, genauer auf die Hügel der südlich der Altstadt gelegenen Insel Södermalm, von wo man einen schönen Ausblick auf weite Teile Stockholms hat. Doch eigentlich suchten wir ja ein Café für Kanelbullar (Zimtschnecken) und ähnliches...es wurde eine lange Suche...endlich...aaaah, tut das gut! Noch schnell in den Alkoholladen (Systembolaget/in Schweden gibt es Alkohol über 3,5% nicht im freien Handel), der natürlich einen Tag vor Midsommar nicht gerade leer war. Aber es Bierchen musste sein für das abendliche Deutschland-Portugal-Spiel, welches wir uns gemütlich zu Hause bei Pizza und eben jenem Bierchen "reinzogen".

FREITAG
Heute waren wir also endlich reif für die Insel. Schon früh brachen wir von zuhause auf, schnell noch die letzten Erledigungen und dann mit dem Auto zu einer Anlegestelle nahe des Tyresta-Nationalparks. Nach ein paar Minuten Wartezeit kam dann auch schon aus der Ferne unser vorher von Ronny als "mystery boat" angekündigter Transfer zur Insel, das sich dann als das Boot des Nachbarn entpuppte. Nach ca. 20 Minuten Fahrzeit durch die Schärenlandschaft hatten wir unser Ziel erreicht: Die Insel Ängsön (siehe Karte - schaut unten rechts in der Ecke...) ist mit 52 Anwesen recht klein, aber trotzdem z.B. noch mit einer Fähre von Stockholm-City aus zu erreichen (3x am Tag, ist aber teuer und unpraktisch). Und es sieht alles so richtig typisch schwedisch aus! Das Grundstück von Ronnys Eltern, in den 50er Jahren von wiederum ihren Eltern erworben, besteht aus dem Haupthaus, zwei kleineren Häuschen mit Schlafräumen, und einem Plumpsklo, es gibt kein fließend Wasser (es könnte welches geben, rein technisch, aber das wollten sie nicht), dafür aber Strom. Herr im Haus ist Ronnys Vater Thomas, den wir nun auch endlich zu Gesicht bekamen. Außerdem vor Ort: Mama, Schwester sowie 4 von ihren Freunden - volles Haus für den Feiertag!
Nach einem kleinen Inselspaziergang gingen die Jahr für Jahr gleichen Midsommar-Festivitäten los. Erst um 13 Uhr das Essen mit viel Fisch und anderen typisch schwedischen Speisen ("Jansson's Versuchung", etc.), wobei alle am Tisch, auch die Männer die bekannten Blumenkränze um den Kopf trugen. Auch ganz wichtig: Das Singen beim Essen, schwedische Volks- und Sauflieder, manche auch "etwas" versaut, aus einem speziellen Gesangsbuch stammend und nach jedem Song abgeschlossen von einem Schluck snaps - Skål! Um 15 Uhr Teil 2 des Tagesablaufes, der Aufbau des Mittsommar-Baumes (midsommarstång), für den sich die ganze Insel (auch Johan Mjällby, der Star des Tages, ein ehemaliger schwedischer Fußballnationalspieler, der hier ein paar Freunde besucht) auf einer Wiese versammelt. Steht dann der Baum, wird getanzt, in drei Kreisen immer drumherum...und das sind dann so "fantastische" Tänze wie der Frosch-Tanz...ich habe schon ständig nach der versteckten Kamera gesucht... Nach dem Tanz wird gepicknickt mit Erdbeerkuchen oder auch mit Bier, die Kinder und Jugendlichen und Junggebliebenen spielen derweil Staffelspielchen oder auch Tauziehen. So langsam verlassen dann die Menschen die Wiese, jeder kehrt wieder zurück zu seiner Familie und seinem Anwesen. Ein klein wenig Erholung, aber auch hier fehlt der Alkohol nicht.
Um 19:30 gab es Abendessen, ein fantastisches Abendessen! Mit Krabben, Kartoffeln, Salat, gebratenem Schinken, dem besten Lachs aller Zeiten, uvw. Also hungern mussten wir wirklich nicht. Und verdursten auch nicht...wer sonst nicht trank, der musste zumindest mit anstoßen, als (natürlich) wieder gesunken wurde. Wieder war alles dabei von Volksliedern bis hin zur (auf unseren Wunsch hin) schwedischen Nationalhymne, und auch wie Deutschen ließen uns mit "Eisgekühlter Bommerlunder" und unserer Hymne (auf deren Wunsch hin) nicht lumpen. Und doch: Es fiel auf, dass man bei vielen Liedern wirklich nur eine, zwei Zeilen oder auch Strophen kannte, nicht aber den ganzen Song, weil wir in Deutschland halt nicht so oft sowas singen. Gegen 21:30 trafen sich wieder die "ganze" Insel unten am Steg, wo dann wieder getrunken und wieder viel gescherzt wurde, gerne auch auf dem Steg getanzt, der extra mit Zweigen geschmückt worden war, damit keiner vor Übermut oder lauter Promille ins Wasser platscht. War aber ein bisschen komisch, alle haben (logo!) schwedisch gesprochen, man hat nix verstanden und fühlte sich dann doch unweigerlich ein wenig ausgegrenzt. Ist halt schon anders als in Kanada, wo man wenigstens die Sprache kennt und bei Bedarf mal irgendwo in ein Gespräch einsteigen kann. Aber, nicht dass hier jetzt falsche Vorstellungen entstehen, es war trotzdem ein toller Abend. Ein Abend, an dem es lange, lange überhaupt nicht dunkel werden wollte. Und als es dann so ein klein wenig dunkel war, so gegen Mitternacht - wobei dunkel hier so dunkel bedeutet, wie es bei uns vielleicht um 22 Uhr ist - da wurde es auch schon bald wieder hell. Das Licht um 2:30 entsprach dem deutschen 6:00 Uhr! Trotzdem, irgendwann mussten wir ins Bett. Wir waren gerade fertig mit dem Zeckenentfernen (ja, Zecken gab es da, und zwar viele! Es gab wohl in diesem Jahr besonders viel Wild, der perfekte Wirt für die kleinen Scheißer...) und wollten ins Bett, da sorgte Stefan, der ein klein wenig zu tief ins Glas geschaut und dabei irgendwie ein ganzes Wörterbuch gefunden hatte, mit seinem Kauderwelsch noch für die Gute-Nacht-Unterhaltung. Eine Kostprobe? Als er mit dem Bettzeug kämpfte und es einfach partout nicht wollte, da kam dann plötzlich "Sowas haben wir eben in der schwedischen Armee nicht gelernt..." Aha. Ok. Gute Nacht.

SAMSTAG
Auch wenn die Nacht hell wie der Tag ist...kann man prima bis halb 12 ausschlafen. So richtig wach wurden wir aber auch dann nicht, trotz Frühstück. Vor allem Ronny und sein Kumpel Gustav (den er am Freitag noch vom Festland abgeholt hatte) hatten einen schwierigen Tag und wurden erst spät wieder lebendig. Aber auch bei den anderen war der Tag eher einer von der ruhigen Sorte, einer mit Lesen, Dartspielen und kleinen Snacks zwischendurch. Das Wetter im Übrigen mit einem schönen Mix mit allem vom Sonne über Wind bis hin zu Regen und Gewittergrollen. Schlimmer Niederschlag aber hatten wir nicht, vor allem nicht über einen längeren Zeitraum. So war es also auch kein Problem, einfach nochmal eine Inseltour zu machen, einfach um mal ein bisschen in Bewegung zu kommen. Abends dann fantastische Schweinelende frisch vom Grill, dazu Salat und Reis und danach noch Erdbeeren mit Schlagsahne...Leben und Essen wie Gott in Schweden, das sag ich euch! Gegen 21 Uhr gingen die "jungen Leute" dann in die Sauna, direkt am Ufer gelegen, so dass man sich immer gleich mit einem Sprung in die doch seeeehr frische Ostsee abkühlen konnte. Man, wie oft ich doch dieses Jahr schon in der Baltischen See schwimmen war... Nach dem Schwitzen dann zum Tagesschluss noch Fußball im Fernsehen, Holland und die Russen, und dabei stellte sich v.a. Ronnys Mutter als ausgemachter Fußballfan und auch -kenner heraus.

SONNTAG
Wie das doch immer so ist: Wenn man abreisen muss, ist das Wetter am schönsten - wohl um dem bleibenden Gastgeber noch einmal ein Dankeschöngeschenk zu machen. Heute nämlich mussten wir mit dem "mystery boat" die Insel wieder verlassen, und das bei herrlichem Sonnenschein, skandinavischem Himmel und kaum Wind. Herzlicher Abschied. Auf dem Festland angekommen, wurde zunächst Gustav zur Bahn gebracht, ehe wir uns in der Wohnung der Hanssons noch einmal mit einer wohltuenden warmen Dusche erfreuten und Ronny dort auch seine Rückkehr nach Oslo im Nachtzug buchte. Ein paar Stunden blieben uns aber noch. Noch einmal fuhren wir mit dem Auto ins Stadtzentrum von Stockholm und parkten unweit des Stadshuset, des Rathauses der Stadt. Alljährlich findet hier in der famosen Goldenen Halle das Festbankett für die Nobelpreisträger statt, doch leider konnten wir uns die Halle nicht anschauen, weil dies nur mit Touren geht und wir dafür keine Zeit mehr hatten. Naja, man muss ja auch noch was für den nächsten Besuch in Schweden im Jahr 2011 haben... Immerhin konnten wir aber noch ein wenig über das Gelände des Stadshuset laufen, ehe wir uns auch schon wieder im Auto und auf dem Weg zum Flughafen Arlanda befanden. Doch hieß es Tschüss sagen und sich zu versprechen: "Bis zum nächsten Mal!"

Im kommenden Jahr, wahrscheinlich im August, ist dann Yvonne als Gastgeberin an der Reihe. Wo genau, das weiß sie noch nicht (als angehende Lehrerin kann man nur erahnen, wo man sein Referendariat machen wird). Aber irgendwo in Baden-Württemberg. Und ein Ausflug zum Bodensee wird schon irgendwie drin sein.

23.6.08 00:57

bisher 1 Kommentar(e)     TrackBack-URL


Yvonne (25.6.08 15:48)
ganz toller Bericht, Philp, und gar nichts ausgelassen - nicht mal die "Schwedische Armee"! Großes Kompliment!

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