America Votes (Nachlese)

So. 10:45 Uhr am nächsten Morgen und noch immer steht in drei Staaten nicht fest, wer die Stimmen der Wahlmänner bekommen wird. Missouri, Indiana, North Carolina sind noch immer "too close to call". Wie gesagt, es interessiert eigentlich keinen mehr. Aber dann irgendwie auch doch, denn von diesen Ergebnissen hängt ja unter anderem ab, wie sehr Obama wirklich ein "national President" ist und wie groß seine sowieso schon beeindruckende Mehrheit schlussendlich sein wird. Aktuell steht es 338 zu 163 - rechnen wir die drei Bundesstaaten jeweils dem Führenden zu, dann kämen wir auf ein Endergebnis von 364 zu 174. So viele Stimmen hatte kein Präsident mehr seit Billyboy Clinton!
George W. Bush hat übrigens inzwischen auch öffentlich seine Glückwünsche an Obama ausgesprochen und seine Kooperation bei der "Transition" versprochen. Der Sieg Obamas sei ein "emotional uplifting", besonders für all diejenigen, die vor 40 Jahren in der Bürgerrechtsbewegung gekämpft und nun spätestens ihr Ziel erreicht haben.
Auch Colin Powell - wir erinnern uns: ein Republikaner, aber einer, der Obama unterstützt hatte - sprach vor laufenden Kameras und gestand, am gestrigen Abend nach der Verkündung von Obamas Sieg geweint zu haben. Selbst heute morgen beim Interview musste er sich die Tränen noch verdrücken!
Kommen wir aber zu den anderen Wahlen - House, Senate, Governors. Im House of Representatives sieht es so aus, als ob die Demokraten insgesamt 21 Sitze zusätzlich gewinnen und nunmehr auf 256 kommen würden (mindestens...zu zwei Wahlbezirken habe ich keine Infos gefunden), während die Demokraten auf 177 fallen. Im Senat hat sich bestätigt, dass es nicht zur Filibuster-Mehrheit reichen wird - am Ende gewinnen die "Blauen" wahrscheinlich 56 Sitze (+5). Und verlieren paradoxerweise wahrscheinlich einen gleich wieder, denn Joe Liebermann dürfte, so wird erwartet, in den kommenden Wochen aus dem demokratischen Caucus geschmissen werden, weil er sich zu offensichtlich für McCain ausgesprochen hatte. Man hätte ihn wohl nur behalten, so die Vermutungen, wenn man nur mit ihm auf die magischen 60 gekommen wäre. Schließlich noch die Governors, wo sich nicht viel verändert: Es gab im Laufe der Nacht lediglich einen Wechsel - die Demokraten holen Missouri.
Werfen wir nun auch noch einen Blick auf die zahleichen Referenden in den Bundesstaaten, von denen, vermute ich mal, in nur wenigen deutschen Medien berichtet werden wird. Es war ein schlechter Tag vor allem für Schwule und Lesben - und das ausgerechnet an einem Tag, an dem der Sieg von Obama doch so viel Toleranz predigte! Sowohl in Arizona als auch in Florida (!) und in Kalifornien (!!!!!!!!) haben sich die Wähler gegen gleichgeschlechtliche Ehegemeinschaften ausgesprochen, in Arkansas zudem gegen das Recht auf Adoption für Homosexuelle. Es wird erwartet, dass dies aufgrund der Macht der Staaten Kalifornien und Florida auch seine Auswirkungen auf die Bundespolitik und auf Präsident Obama haben wird. Als Kontrastprogramm zu diesen Abstimmungen entschied sich dagegen Colorado gegen ein Abtreibungsverbot, Michigan für Stammzellenforschung und Washington State für das Recht auf Selbstmord unter ärztlicher Aufsicht.
Zum Schluss noch einmal zurück zur Präsidentschaftswahl und zu einem weiteren Aspekt, der in Deutschland, hmm, gar nicht behandelt werden dürfte: den vermuteten Auswirkungen der Wahl Obamas auf die US-kanadischen Beziehungen. Wichtige Themen in der nahen Zukunft werden Free Trade (Obama wollte laut Aussagen in den Vorkämpfen NAFTA neu verhandeln, was nicht im Interesse Kanadas sein dürfte) und ein mögliches Abkommen zur Reduzierung von Treibhausgasen sein, welches nun wahrscheinlicher geworden wird. In Afghanistan könnte Kanada länger als erhofft zu einem Einsatz "gezwungen" sein, möchte doch Obama hier die internationalen Bemühungen verstärken, während man nördlich der Grenze eigentlich möglichst schnell raus aus dem Schlamassel wollte. Schließlich noch das vielleicht dringendste Problem, das Lösen der Finanzkrise und der daraus resultierenden wirtschaftlichen Probleme: CBC spekulierte gestern, dass ein Lösungsansatz für Kanada nun leichter wäre, da man ihn gemeinsam mit einer US-Regierung angehen könnte, der die kanadischen Bürger eben nicht misstrauen, wie es mit der Regierung Bush der Fall gewesen war.
I am Philip Häfner. Deutsche Welle, Waterloo.

5.11.08 17:09

bisher 1 Kommentar(e)     TrackBack-URL


Eltern (5.11.08 19:49)
Danke Herr Häfner für den Moment. Wir gehen zurück
in die angeschlossenen Funkhäuser.

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